Über Gegenübertragung & was passiert, wenn Kinder mit im Spiel sind
Manchmal wachen wir morgens auf
und fühlen uns schwer.
Nicht traurig im klassischen Sinn.
Nicht depressiv.
Nicht „schlecht drauf“.
Einfach… belastet.
Als würden wir etwas tragen,
das nicht zu uns gehört.
Und oft merken wir nicht einmal,
dass es gar nicht unser Gefühl ist.
Wenn Emotionen überspringen – ohne dass du es merkst
In der Psychologie nennt man es Gegenübertragung.
Im Alltag fühlt es sich so an:
Du bist nach einem Gespräch plötzlich leer.
Nach einer Begegnung innerlich aufgewühlt.
Nach einem Treffen traurig, wütend oder hilflos.
Ohne zu wissen, warum.
Du hast nichts „Schlimmes“ erlebt.
Und trotzdem bist du verändert.
Weil du etwas übernommen hast.
Unbewusst.
Besonders feinfühlige Menschen sind gefährdet
Menschen mit hoher Empathie…
spüren Stimmungen
lesen Zwischentöne
fühlen Spannungen
nehmen Unausgesprochenes wahr
Sie hören nicht nur Worte.
Sie fühlen Geschichten.
Und manchmal fühlen sie sie zu stark.
Dann wird fremder Schmerz zum eigenen.
Wenn Kinder im System sind, wird alles intensiver
Sobald Kinder Teil einer Geschichte sind, passiert etwas Besonderes.
Etwas Ursprüngliches.
Unser Schutzinstinkt springt an.
Unser Gerechtigkeitssinn.
Unsere eigenen Kindheitswunden.
Wir reagieren nicht mehr nur rational.
Wir reagieren emotional tief.
Manchmal tiefer, als uns guttut.
Eine Geschichte aus einer Mail
Vor einigen Wochen bekam ich eine Mail.
Von einer Frau.
Ich nenne sie hier Anna.
Sie schrieb:
„Ich weiß nicht, warum mich das alles so fertig macht.
Eigentlich betrifft es mich gar nicht direkt.
Aber ich kann nicht mehr schlafen.
Ich denke ständig daran.“
Sie hatte jahrelang Kontakt zu einer Mutter in ihrem Umfeld.
Trennung. Konflikte. Streit ums Kind.
Manipulation. Schuldzuweisungen.
Und Anna war „nur“ die Zuhörerin.
Die, die immer da war.
Die zuhörte.
Die beruhigte.
Die vermittelte.
Die verstand.
Mit der Zeit begann sie:
schlecht zu schlafen
sich schuldig zu fühlen
innerlich unruhig zu werden
Angst um das Kind zu entwickeln
Obwohl sie rechtlich nichts ändern konnte.
Sie schrieb:
„Ich fühle mich verantwortlich,
obwohl ich es nicht bin.“
Das ist klassische emotionale Übernahme
Anna hatte nicht nur zugehört.
Sie hatte mitgefühlt.
Mitgetragen.
Mitgelitten.
Und irgendwann:
mitgelitten statt gelebt.
Das Problem war nicht ihr Mitgefühl.
Das Problem war:
Sie hatte keine Grenze mehr zwischen sich und dem Schmerz der anderen.
Warum das so oft passiert
Vor allem Menschen mit eigener Verletzungsgeschichte kennen das.
Sie haben früh gelernt:
„Ich muss verstehen.“
„Ich muss vermitteln.“
„Ich muss retten.“
„Ich darf niemanden allein lassen.“
Das macht sie stark.
Und verletzlich.
Wenn du merkst, dass es zu viel wird
Achte auf diese Signale:
Du denkst ständig an fremde Probleme
Du fühlst dich verantwortlich
Du hast Schuldgefühle ohne Grund
Du bist emotional erschöpft
Du kannst nicht abschalten
Dann trägst du zu viel.
Mitgefühl braucht Grenzen, sonst zerstört es dich
Du darfst mitfühlen.
Aber du musst nicht mitleiden.
Du darfst zuhören.
Aber du musst nicht retten.
Du darfst da sein.
Aber du darfst dich nicht verlieren.
Besonders bei Kindern: Realität akzeptieren
So schwer es ist:
Du kannst nicht jedes Kind retten.
Du kannst nicht jede Familie heilen.
Du kannst nicht jede Ungerechtigkeit ausgleichen.
Das ist brutal.
Aber wahr.
Deine Aufgabe ist nicht, die Welt zu reparieren.
Deine Aufgabe ist, stabil zu bleiben.
Die wichtigste Frage für dich
Wenn dich etwas emotional nicht loslässt, frag dich:
Gehört das wirklich mir?
Oder trage ich gerade fremde Last?
Diese Frage kann dein Leben verändern.
Was Anna gelernt hat
Am Ende unserer Mail-Korrespondenz schrieb Anna:
„Ich habe zum ersten Mal verstanden,
dass Mitgefühl nicht bedeutet, mich selbst aufzugeben.“
Sie begann, Abstand zu halten.
Nicht kalt.
Nicht hart.
Bewusst.
Heute ist sie wieder bei sich.
Du darfst dich schützen, auch emotional
Selbstschutz ist kein Egoismus.
Er ist Verantwortung.
Für dich.
Für dein Leben.
Für deine Kraft.
Denn nur wer bei sich bleibt,
kann anderen wirklich begegnen, ohne sich zu verlieren.
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